Ende

Schmerzen weckten ihn. Tausende kleine Nadelstiche malträtierten seinen Rücken. Er drehte sich um. Sein Arm versagte. Schlaff hing er an ihm herab. Wildes Pochen und Pulsieren, bis die Taubheit verschwand.

Ein neuer Versuch. Er stützte die Hand auf die Matratze und richtete sich auf. Unter ihm lag eine Haarbürste mit drahtigen Borsten. Er lachte auf und drehte sie zwischen den Fingern.

Sein Kopf dröhnte und er rieb mit den Händen über seine Augen. Schaute sich um.

Der Raum war winzig, kaum größer als sein altes Kinderzimmer. Die Wände waren kahl, die Tapete vergilbt und hing in Fetzen herunter. Auf dem Boden lag ein fleckiger Teppich mit einem verblassten, rot-grünen Muster.

Wo war er? Nichts kam ihm bekannt vor. Er kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich.

Woran erinnerst du dich? So eine Menge hast du gar nicht getrunken?

In letzter Zeit passierte ihm das öfter, dass er bereits nach ein paar Gläsern einen totalen Filmriss hatte und am anderen Tag keine Ahnung mehr, wie er heimgekommen war.

Aber er war nicht zu Hause.

Die schmalen Fenster ließen ein wenig Licht hinein. Er stellte sich auf Zehenspitzen, um hinaus zu sehen. Maschendraht versperrte die Sicht. Nichts war zu hören. Keine Autos, keine Menschen. Die Griffe waren abmontiert und die Rahmen verschraubt.

Die Tür. Auf der anderen Seite war eine Stahltür. Die Klinke ließ sich nicht bewegen. Das Schlüsselloch zugeklebt. Kurz über dem Boden ein Lüftungsgitter. Er schrie: »Hilfe! Hallo, hört mich jemand?« Nichts, er lauschte seiner Stimme nach. Sie verhallte in der Luft.

Ihm wurde schwarz vor Augen. Sein Schädel explodierte jeden Moment. Er wankte zurück zum Bett und legte sich hin.

 

Der Duft von Kaffee arbeitete sich durch seine Nase in sein Gehirn. Er öffnete die Augen. Der Geruch kam von der Tür. Das Lüftungsgitter.

Er schwang die Beine aus dem Bett und lief darauf zu. Hockte sich hin, legte den Kopf nah heran und rief: »Hallo? Ist dort jemand?«

»Ah, Sie sind wach«, antwortete ihm eine tiefe Männerstimme.

»Wo bin ich hier? Lassen Sie mich raus!«

Grunzendes Lachen drang durch die Tür. »Sie sind witzig. Warum sollte ich das tun? Sie haben sich selber eingesperrt. Sie haben entschieden, bei dem Spiel mitzumachen«, sagte die Stimme.

»Welches Spiel? Ich verstehe kein Wort. Sie haben die falsche Person.«

»Nein, nein. Es hat alles seine Richtigkeit, Herr Kuperic.«

»Woher kennen Sie meinen Namen?«

»Wie gesagt, Sie haben selber entschieden. Vor fünf Jahren haben Sie unterschrieben, dass Sie freiwillig in Isolation gehen, sollten bei Ihnen jemals ähnliche Symptome auftreten, wie bei ihrem Vater.«

»Mein Vater hatte Alzheimer und ich habe damals eine normale Patientenverfügung unterzeichnet.«

»Für mich liest sich das anders. Sie haben hier geschrieben: Sie möchten niemandem zur Last fallen, sollten Sie jemals die gleiche Krankheit erleiden.«

Das durfte nicht wahr sein. Wer war dieser Wahnsinnige?

»Ja, das habe ich geschrieben. Aber damit meinte ich ein Pflegeheim oder Ähnliches. Und außerdem bin ich kein Alzheimerpatient.« Er schrie die letzten Worte. Speicheltropfen blieben an der Tür hängen.

»Sie erinnern sich, wie sie am Samstag nach Hause gekommen sind? Oder das Wochenende davor?«

»Nein. Ich hatte zu viel getrunken.«

»Das passiert Ihnen oft in den vergangenen Wochen. Es wird Zeit, damit aufzuhören. Sie sind schon jetzt eine Belastung für Ihre Mitmenschen und das wollten Sie doch nie.«

Mit einem lauten Knall schloss sich die Klappe und das Belüftungsgitter war zu.

Er hörte das schrille Surren einer Bohrmaschine. Kreischend arbeitete sie sich in das Metall der Tür. Dann das leise Drehen von Schrauben. Der Raum war geschlossen.

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