Erbe

Christopher

 

Christopher steuerte den alten Twingo in die Einfahrt. Der Sand knirschte unter den Reifen. Er stieß die Tür auf und schwang sich hinaus. Die Jeans war fleckig. Er hatte keine saubere mehr.

Vom Meer zog ein Sturm auf und die Luft hing voller Salz. Christopher rieb mit den Fingern über die Haut auf seinen Armen, er spürte jedes kleine Körnchen. Tief atmete er ein und betrat das Haus seiner Eltern.

Seine Geschwister waren noch nicht da. Erleichtert ließ er die Schultern sinken. So hatte er etwas Schonfrist, bevor sie ihn ausfragten. Vor allem Ellen mit ihrer bemutternden Fürsorge. Sie war nicht seine Mutter. Es hatte sie nicht zu interessieren, dass er den Job verloren hatte oder wie seine Klamotten aussahen.

Das Wohnzimmer sah genauso aus wie früher. Seine Eltern hatten bis zum Schluss nichts geändert. Das grüne Sofa, wo sich helle Flecken auf den Sitzen abzeichneten. Am Ende hatte sein Vater die meiste Zeit auf dieser Couch verbracht und in den Fernseher gestarrt. Seine Mutter daneben in dem hohen Lehnsessel mit einem Buch oder ihrem Strickzeug in der Hand.

Christopher schüttelte den Kopf. Er hoffte, nie so zu enden. Da blieb er lieber allein.

Auf der Anrichte unter dem Fenster standen Fotos. Hauptsächlich von ihnen Dreien und von ein paar Cousinen oder so. Er erinnerte sich nicht an sie. Vom hier aus sah man direkt aufs Meer.

Stundenlang hatte er früher hinausgeschaut. Was kam nach dem Wasser und dem Horizont. Niemand hatte eine Erklärung. Sie waren nicht von der Insel runtergekommen.

Außer Martin, der lebte in London. Er würde einen seiner teuren Anzüge tragen und wehe seine Schuhe wurden schmutzig. Hoffentlich hatte er nicht seine Frau mitgebracht.

 

Er hörte einen Wagen vorfahren, der leicht stotterte beim Bremsen. Ellen kommt. Er lehnte sich in den Türrahmen und lächelte ihr entgegen. Die brave Ellen. Sie hatte eines ihrer bunten Zelte übergeworfen und riesige Ohrringe baumelten neben ihrem Gesicht.

»Hallo, kleiner Bruder. Hilfst du mir mit den Kisten?«, rief sie ihm entgegen. Christopher trottete zu ihr hinüber und küsste sie auf die Wange.

»Schön, dich zu sehen Schwesterchen.«

»Wie geht’s dir? Was macht der Job?«

Christopher stöhnte auf. Er hatte mit dieser Frage gerechnet. »Es geht mir gut. Den Job gibt es nicht mehr und ich werde darüber nicht diskutieren.« Sein Ton war zu scharf. Sie meinte es doch nur gut. »Alles ok«, sagte er rasch und knuffte sie in die Seite.

Unzählige Kartons und Kisten luden sie aus Ellens Wagen und schafften sie hinein ins Haus.

»Hier sind Stifte zum Beschriften. Ich würde vorschlagen, wir schauen einmal alles durch. Geschirr und so können wir der Wohlfahrt geben. Was meinst du, Chris?«

»Ja sicher. Ich brauche davon nichts. Vielleicht ein paar Erinnerungen. Ob sie die Kisten mit meinen Indianerfiguren aufgehoben haben?«

»Hmmm, möglicherweise im Keller. Da hatte Papa alles Mögliche gesammelt.«

»Ich schau gleich mal runter.« Begeistert spurtete er zur Kellertür.

»Warte kurz. Ich glaube, Martin kommt.« Missmutig hielt er im Gang inne.

»Ja eindeutig. Martin im schicken Cabrio. Hat ihm keiner gesagt, dass der Sommer hier vorbei ist? Naja, wenigstens hat er sein Frauchen nicht mitgebracht.«

 

»Hallo? Wo seid ihr?«, rief Martin von der Tür aus.

»Wenn du reinkommst, findest du uns«, sagte Christopher und verzog seinen Mund zu einem schiefen Lächeln.

»Jaja, Brüderchen. Immer zu einem Scherz aufgelegt.«

Er hatte goldrichtig gelegen. Martin erschien im dunkelgrauen Zweireiher mit Nadelstreifen und dazu braune Lackschuhe. Damit war klar, an wem die Arbeit hängen blieb.

»Hallo Martin«, begrüßte Ellen ihren zweiten jüngeren Bruder. Sie beäugte ihn von oben bis unten. »Ähm, du kannst dich im Schlafzimmer umziehen. Chris und ich fangen mit dem Ausräumen und Sortieren an«, sagte Ellen.

Christopher grinste über den Versuch seiner Schwester, Martin diplomatisch eine Ansage zu erteilen. Es funktionierte nicht.

»Warum umziehen? Ich dachte, wir schauen nur durch, was wir an Erinnerungen haben wollen und den Rest lassen wir ausräumen. Oder willst du das alles selber machen? Das dauert ewig.« Mit weit aufgerissenen Augen schaute Martin sich um. Bei jedem kleinen Nippes, dass seine Mutter im Laufe der Jahre angeschafft hatte, blieb sein Blick hängen.

Ellen seufzte. »Dann such dir aus, was du mitnehmen magst und dein Bruder und ich erledigen den Rest.«

Stumm nickte Chris ihr zu.

»Ok, wie ihr meint«, sagte Martin und rieb sich die Hände.

Mal wieder hatte er es geschafft, seinen Willen zu bekommen. Schon in ihrer Kindheit war das so. Christopher erinnerte sich deutlich, wie Martin mit 15 das Fenster der Nachbarn mit einem Stein einge-schlagen hatte. Die hatten sich tierisch darüber aufgeregt. Aber Papa, er hatte den Schaden reparieren lassen und alles bezahlt. Für Martin gab es weder Hausarrest noch sonst eine Strafe. Umgekehrt hätte es für ihn ein Mords Theater gegeben. Mit 13 durfte er einen ganzen Sommer lang seine Freunde nicht treffen. Er hatte nie verstanden, was das war, zwischen Papa und Martin und warum sie ihm alles durchgehen ließen.

»Ich bin dann im Keller«, sagte Christopher und setzte seinen vorigen Weg fort. Aus den Augenwinkeln sah er Ellens Blick. »Ich pass auf, dass ich nicht die Treppe runterfalle«, sagte er zu ihr. Sie war zu besorgt.

 

Der Boden war voller Sand. Bei jedem Schritt die Stufen hinunter knirschte es unter seinen Schuhen. Die Luft roch muffig und feucht. Das Haus seiner Eltern war eines der wenigen auf der Insel, die einen Keller hatten. Was der großen Sammelleidenschaft seines Vaters geschuldet war. Er hatte nie etwas weggeworfen.

Christopher tastete nach dem Lichtschalter neben der Tür. Mit einem leisen Klick tauchte eine Glühbirne den Kellerraum in ein dumpfes gelbes Licht.

Vor ihm türmten sich Massen an Kisten, alte Kommoden und Regale auf. Entmutigt ließ er die Hände sinken. Er streifte mit den Augen durch den Raum, versuchte, irgendein System zu erkennen. Auf einigen Kartons stand etwas geschrieben. Die Handschrift seiner Mutter. Mit den Fingern strich er über die verblassten Buchstaben. Bei manchen war die Farbe dunkler, die dürften erst seit kurzem hier unten stehen.

Ziellos kramte er herum, entdeckte altes Geschirr, Fotoalben und jede Menge Bücher. Einen Karton nach dem anderen nahm er sich vor. Stellte alle in die Mitte des Raumes. Die Pappe scheuerte an seinen Fingern und der Staub kratzte in seinem Hals. Er machte weiter. Er suchte. Irgendetwas.

 

»Chris, hast du deine Indianer gefunden?«, fragte seine Schwester und steckte den Kopf durch die Tür.

»Nein.«

»Hör für heute auf! Es wird bald dunkel.«

»Ich bin gerade mittendrin, es macht Spaß hier zu wühlen.«

»Ok.« Ellen zögerte und schabte mit dem Schuh einen Käfer von der Schwelle. »Ich fahre dann jetzt. Wenn du was brauchst, ruf mich an! Ja?« Sie sah ihn eindringlich an.

»Jaja. Geh ruhig«, sagte Christopher. Ihr Blick irritierte ihn. Er hörte ihre Schritte auf der Treppe und wie sie mit Martin flüsterte. Wieder einmal kannte er sich nicht aus. Die Zwei hatten einen anderen Draht zueinander.

Er klopfte sich den Staub von den Händen und widmete sich dem Sammelsurium seiner Eltern.

 

Draußen fegte der Wind gegen die kleinen Keller-fenster. Regen prasselte auf das Glas. Christopher hatte sich bis zur Wand vorgearbeitet. Eine letzte Reihe von Kartons war weit nach hinten geschoben worden. Alle waren mit Jahreszahlen beschriftet. 1975 bis 2019. So lange waren seine Eltern verheiratet gewesen. Bis zu ihrem Tod.

Christopher öffnete den Karton seines Geburtsjahres 1980. Videokassetten und Fotoalben kamen zum Vorschein. Auf jeder Kassette stand ein Name. Er schlug eines der Alben auf. Sein Atem blieb ihm im Hals stecken. Hastig blätterte er weiter. Schweiß trat auf seine Stirn und er schluckte den aufkommenden Speichel hinunter. Die Bilder zeigten den Keller. Seine Eltern. Und eine Frau, gefesselt an ein rostiges Bett. Angekettet an die Wand. Nackt. Die Hände über dem Kopf zusammengebunden.

Das Album wog schwer. Die Kassetten. Seine Pupillen weiteten sich und er leckte sich mit der Zunge über die Lippen.

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© 2020 by Viktoria Hoffmann.