Fesseln

Brennendes Licht drang durch Julias Lider. Dumpf hörte sie Stimmen und Geräusche wie von klapperndem Besteck. Es wurde hell. Grell. Beißend. Die Stimmen lauter. Wortfetzen drangen an ihr Ohr, undeutlich und schwammig. Sie öffnete ihre Augen. Hände hielten blutige Messer und Zangen. Feucht glänzendes Metall, brach das gleißende Licht in einzelne schneidende Strahlen.

Sie zwang sich, ihre Gedanken zu ordnen, aber ihr Hirn gab ihr nur ein unscharfes Bild wieder. Was war hier los?

Sie kniff die Augen fest zusammen. Sammelte all ihre Kraft. Schatten legten sich über sie. Sie schaute nach oben. Fremde, blaue Augen glotzten sie an, entsetzt, ungläubig und zornig. Sie versuchte, den Kopf zu heben, versuchte etwas zu den Anderen im Raum zu sagen, um Hilfe zu flehen. In ihrem Mund steckte irgendetwas, verschloss ihre Kehle. Sie brachte kein Wort heraus.

Panisch bäumte sie sich auf. Warf ruckartig den Kopf von einer Seite zur anderen. Überall Augen und blutbespritzte Messer. Sie kamen näher, trachteten, sie aufzuschneiden, ihre Haut zu zerfetzen, jede Sehne zu durchtrennen. Mit aller Kraft zog Julia an den Schläuchen. Versuchte, das Ding aus ihrem Hals heraus zu würgen. Strampelte mit den Beinen, um die vielen messerbestückten Hände abzuwehren. Es gelang ihr nicht.

»Dr. Sailer was ist los? Die Dosis ist zu gering. Warum unternehmen Sie nichts?«, rief eines der Augenpaare über ihr. Kam nah an ihr Gesicht, griff nach ihren um sich schlagenden Händen und drückte sie auf die Matte, auf der sie schutzlos und ihnen ausgeliefert lag.

Wie Schraubzwingen quetschten sich diese Gummifinger um ihre Handgelenke. Die Messer fielen zu Boden. Die Hände griffen nach Julias Füßen, ihren Schenkeln und hielten sie gefangen.

Die blauen Augen über ihr kamen in Bewegung, entfernten sich aus ihrem Blickfeld. »Fixiert sie!«, schrie eine Frau.

Immer mehr Hände schlangen Bänder um ihre Gelenke, zogen fest zu. Zwangen Julia in völlige Bewegungsunfähigkeit. Eine Nadel bohrte sich in ihren Arm. Nebel legte sich über sie, tauchte ihr Gehirn in einen Bausch aus Watte. Die blauen Augen schauten sie an, zornig und entschlossen.

 

 

10 Jahre später

 

Julia hörte ihn wieder und wieder. Diesen genervten, anklagenden Tonfall. »Was ist passiert?« Die gleichen Worte, die gleiche Stimme.

Zehn Jahre war es her.

Er stand direkt hinter ihr. Sie traute sich nicht, sich umzudrehen, hatte Angst vor dem Ungeheuer, das er in ihrem Kopf war.

Mit zitternden Händen legte Julia ihre spärlichen Einkäufe auf das Band, verstand nicht, was die Verkäuferin zu ihr sagte. Hörte ihn immer lauter. Ein Dröhnen in ihrem Kopf. Sie kniff die Augen zu.

»Sie müssen weiter gehen, Sie halten hier alles auf!«, fauchte er sie an. Erschrocken schaute sie hoch, in diese Augen. Wie vor zehn Jahren. Das Ungeheuer erkannte sie nicht.

Der Junge neben ihm schluchzte und Tränen flossen über sein Gesicht. Er hielt einen Schokoriegel krampfhaft in seinen Händen fest, die Schokolade quoll am Rand aus dem bunten Papier und hatte sich auf seinem gesamten T-Shirt verteilt. Julia senkte den Blick und räumte ihre Sachen in ihren dunkelblauen Stoffbeutel.

 

Fest drückte Julia die Tür hinter sich zu. Versperrte alle drei Schlösser und legte die Sicherheitskette vor. Ihre Einkäufe trug sie in die Küche.

Sie setzte sich an den kleinen quadratischen Holztisch in der Küche, schaute grübelnd aus dem Fenster, die Scheiben waren fleckig vom letzten Regen. Widerspenstig knarrte die Schublade, die direkt vor ihr im Tisch eingebaut war. Julia zog sie auf und zerrte den gelben Falthefter heraus. Schlug ihn auf und las. »Gutachten intraoperative Wachheit – Patientin Julia Kappl, 15. Juni 2008«

 

***

 

Ihr Schädel brummte. Hämmernde, stechende Schmerzen bahnten sich ihren Weg durch ihren Kopf. Mit kreisenden Bewegungen massierte Julia ihre Schläfen. Es half nicht. Seufzend stand sie auf, hielt sich mit den Händen an der Tischkante fest und atmete tief ein, schöpfte Kraft, um den Weg ins Bad zu meistern. Die Tabletten lagen griffbereit. Sie drückte gleich zwei aus der Aluminiumpackung und spülte sie mit einem Schluck Wasser hinunter. Umklammerte den kühlen Keramikrand des Waschbeckens. Schleppte sich zum Sofa und wartete, dass die Tabletten wirkten.

 

Zwei Stunden später wachte Julia auf. Ihr Kopf lag verdreht auf der Sofakante. Mit den Händen rieb sie über ihre Augen, ihr Gesicht. Die raue, trockene Haut schuppte unter ihren Fingern. Stöhnend stand sie auf und massierte ihren Nacken. Die Kopfschmerzen war sie los und ihr Gehirn setzte die letzten Gedanken zusammen. Dr. Alexander Sailer!

Julia tappte benommen in die Küche, der gelbe Falthefter und ihr Notizblock lagen auf dem Tisch. Ihr alter Laptop stand aufgeklappt daneben. Sie drückte die Entertaste. Auf dem Bildschirm erschien der Artikel, den sie sich zuletzt angesehen hatte.

Ein medizinisches Magazin berichtete über den neuen, bemerkenswerten Anästhesisten Dr. Alexander Sailer. In Wien hatte er sein Medizinstudium in Rekordzeit absolviert. Nur beste Noten, der absolute Überflieger. Julia schüttelte den Kopf, setzte sich erneut vor ihren Computer und studierte den Artikel ein weiteres Mal. Klickte sich durch alle Links und alle Bilder.

Eine der wichtigsten Regeln für jeden Journalisten: »Gebt euch nie mit Informationen zufrieden, die an der Oberfläche schwimmen, wühlt den gesamten Meeresgrund auf, wenn es nötig ist.«, trichterte ihr damaliger Professor seinen Studenten ein.

Zehn Jahre war es her, dass sie alles hingeschmissen, alles aufgegeben hatte. Sie ertrug sie nicht mehr. Die Menschen im Hörsaal, in der U-Bahn, auf der Straße. Ein Jahr lang hatte Julias Mutter ihr alle Einkäufe gebracht. Bis sie es nicht mehr ertrug. Sie brach in Tränen aus, jedes Mal, wenn sie Julia sah. Ihre junge, lebendige Tochter, mit so vielen Ideen und Träumen im Kopf, hatte sich in ein lebloses, durchsichtiges Geschöpf verwandelt. Ihre Julia war nicht mehr da. Sie hatte sie an diesem Nachmittag, in diesem Operationssaal verloren.

Tränen liefen Julia über die Wangen, ihre Augen brannten. Seit Monaten hatte sie ihre Mutter nicht mehr gesehen.

Mit den Tränen kroch langsam und vorsichtig ein neues Gefühl in ihr hoch. Wut. Wut auf den Menschen, der verantwortlich war. Zum ersten Mal seit zehn Jahren erwachte etwas in ihr. Sie schmeckte den Hunger auf ihr Leben förmlich auf der Zunge. Ihr Leben. Ihr ich. Sie wollte es zurückhaben.

...

  • Facebook
  • Instagram
© 2020 by Viktoria Hoffmann.