Hunde, die bellen ...

Seine Augen suchten mich quer durch den ganzen Raum. Alle anderen Leute schienen für ihn nicht zu existieren. So sehr ich es auch versuchte, konnte ich seinem Blick nicht entkommen. Also bahnte ich mir einen Weg durch ein Meer aus Anzügen und Abendkleidern zu seinem Tisch. „Christian“, stellte er sich mir vor. Seine grünen Augen hatten etwas Schelmisches und sein Lächeln verriet den Lausbub hinter der aalglatten, einen perfekt sitzenden Anzug mit passendem Stecktuch tragenden Fassade. Er ließ noch eine Flasche französischen Rotwein öffnen und schenkte mir ein. Dabei beugte er sich zu mir hinab und flüsterte mir ins Ohr: „Wie wäre es, wenn du mir mal etwas Anderes schickst, als immer nur eure Eventeinladungen?“ Der Wein schmeckte plötzlich billig und die schöne Fassade hatte einen Riss bekommen. Diese Anmache war doch etwas sehr platt. Also verneinte ich, ließ ihn stehen und mischte mich unter die anderen Gäste.

 

Ein paar Wochen später, ich hatte mich natürlich nicht gemeldet, begegneten wir uns wieder. Sein Blick ruhte erneut die ganze Zeit auf mir und ich konnte ihm kaum ausweichen. Ich gebe zu, dass mich dieser Mann sehr reizte. Also gab ich ihm noch eine Chance und setzte mich an seinen Tisch. Wir plauderten den ganzen Abend, er war ausgesucht höflich, witzig und charmant. Ganz ohne jede billige Anmache. Scheinbar hatte er etwas gelernt. Als er sich verabschiedete, gab er mir einen Kuss auf die Wange und fragte: „Ich würde mich gerne bei dir melden, wenn ich darf?“ „Sehr gerne.“, antwortete ich. Mal schauen was passieren würde.

 

Sein voller Terminkalender sabotierte leider jeden Versuch für ein Date und so blieb es erst einmal bei Weihnachts- und Silvestergrüßen und ein wenig WhatsApp-Geplauder mit ersten Zweideutigkeiten ;). Pünktlich zum Valentinstag sollten wir uns wiedersehen, leider wieder nur im öffentlichen Rahmen. Er schien sich diesmal etwas unwohl zu fühlen, ruhelos und distanziert. Kein Flirten, keine Blicke, die mich auszogen und verschlingen wollten. Er verabschiedete sich früh, erwähnte dabei mehrmals sein Alter und lief davon.

 

Ich verstand nicht was passiert war, also schrieb ich ihm in der Nacht. „Es macht mich fertig, dass du immer so früh gehen musst. Ich hatte mich schon auf einen netten Abend gefreut. Ach und dein Alter interessiert mich übrigens nicht, außer du hast Angst ich könnte dich überfordern? ;)“ Muss ich erwähnen, dass ich an dem Abend ein, zwei oder drei Gläser Wein hatte? Nächtliche Nachrichten und Wein vertragen sich bekanntlich nicht besonders gut. Denn Frau tut am nächsten Tag nichts anderes als wie besessen aufs Handy zu starren und auf eine Antwort zu hoffen oder vielleicht besser auch nicht.

 

Am späten Nachmittag kam dann das ersehnte Signal und das grüne Lämpchen am Handy blinkte ganz aufgeregt. Ich hatte ja mit Allem gerechnet, aber damit… „Nein, ich habe keine Angst überfordert zu werden. Aber ich möchte jetzt nicht weiter gehen, denn ich kenne mich und möchte dann möglicherweise etwas, was mich in Seelennöte bringt.“ Kann mir das bitte jemand übersetzen? Aber natürlich tat ich so, als wüsste ich genau, was er mir damit eigentlich sagen wollte, und dass ich ihn natürlich nicht in Seelennöte bringen wolle und wünschte ihm alles Liebe.

 

Scheinbar gehörte er zu der Sorte Mann, die zu Beginn große Töne von sich geben, mit Vollgas voran gehen und sobald Frau signalisiert „Ok, passt. Ich spiel gerne mit.“, dann ganz plötzlich die Flucht ergreifen. Diese Theorie untermauerte er sogar selbst, als er mir bei einer nächsten möglichen Begegnung gezielt aus dem Weg ging und nicht einmal ein „Hallo“ zustande brachte und am Ende so schnell davon lief, dass er regelrecht eine aufgewirbelte Staubwolke hinterließ. Also war er wirklich nur ein kleiner Hund, der bellt … .

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© 2020 by Viktoria Hoffmann.