Nachtzug

Max wuchtete den schwarzen Trolley in die Gepäckablage. Die abgewetzten Räder hatten schmierige Spuren auf dem Boden hinterlassen. Seit zwei Tagen regnete es ununterbrochen. Heuer wieder ein typischer Mai in Wien. Er fischte ein Papiertaschentuch aus seiner Umhängetasche und wischte den Matsch vom Boden. Zog seine durchweichte Jacke aus und hängte sie an einen der Haken, direkt bei der Tür.

Platz Nr. 85, am Fenster stand auf seinem Ticket. Er nahm eine Flasche Mineralwasser, die sorgfältig in Papier eingewickelten Brote und eine kleine Ampulle aus braunem Glas heraus und legte sie auf das Klapptischchen. Mit beiden Händen stützte er sich ab und ließ sich gemächlich in den Sitz sinken. Vom Gang hörte er die anderen Fahrgäste, die ihr Gepäck über den Boden zerrten, fluchten und keuchten. An der Tür zum Abteil hingen weitere Reservierungsschilder, er würde Gesellschaft bekommen.

 

Max riss die Augen auf. Sein Kopf flog von einer Seite zur anderen. Sein Herz raste. Du bist im Zug. Schwer atmend lehnte er sich zurück.

Er war eingeschlafen, hatte die Orientierung verloren. Mit dem Ärmel seines Pullovers wischte er sich den Schweiß von der Stirn. »Jetzt drehst du bald durch, Max. Reiß dich zusammen!«, sagte er zu sich selbst. Er lachte und griff nach dem gefalteten Plan. Um 19:23 Uhr war der Zug in Wien losgefahren. Mit dem Zeigefinger glitt er über die aufgeführten Stationen. Das brachte ihn nicht weiter.

Aus seiner Tasche kramte er sein Handy hervor. Das Display leuchtete sofort auf. Fünf verpasste Anrufe, stand dort mit einem kleinen, grünen, mahnenden Hörer. Max schüttelte den Drang, nach dem Namen zu schauen ab, wie eine lästige Fliege. SIE war es. Das brauchte er nicht in leuchtenden Buchstaben lesen.

Sie hielten gleich in Bruck. Er stand auf und studierte die Reservierungsschilder an der Tür. Für Bruck war ein Fahrgast angekündigt, auf dem Sitz ihm gegenüber.

 

Die Abteiltür krachte gegen die Wand. Ein Mann im dunkelblauen Anzug stellte sich breitbeinig dazwischen und hielt die Tür mit einem Knie auf, bevor sie zurück donnerte. Er schubste seinen kleinen Koffer ins Abteil und ließ die Tür zuschnappen.

»So ein scheußliches Wetter! Ist wie zufleiß. Heute schicken die mich mit dem Zug los. Als ob der Flug morgen Mittag nicht gereicht hätte.«

Mit festen Strichen wischte der neue Fahrgast das Regenwasser von seinem Koffer. Zahllose Tropfen flogen auf Max‘ Schuhe und Hose. Mit zusammengekniffenen Augen verfolgte er jeden Einzelnen vom Abflug bis zur Landung.

»Servus, wie heißen Sie?«

»Maximilian Schöller«, antwortete Max.

»Hmmm, der Name kommt mir bekannt vor? Kennen wir uns? Ich bin Thomas Vogl, CEO bei Blender&Weiß.«

Max beobachtete, wie sein Reisekamerad sich häuslich einrichtete. Die Sitze der gesamten Reihe mit Laptop, Papieren und Telefonen belegte.

»Ich glaube, es kommen weitere Fahrgäste im Laufe der Nacht«, sagte Max und kaute auf seiner Unterlippe. Thomas hielt kurz inne, betrachtete seine gelungene Belagerung der Sitzbank und zuckte mit den Schultern. »Findet sich was.« Mehr war für ihn dazu nicht zu sagen.

 

Der Zug ratterte durch die Nacht. Max hörte Thomas auf der Tastatur des Laptops hämmern. Ein Stakkato, das sich dem Rhythmus des Zuges anpasste und ihn schläfrig machte. Er bemühte sich, die Augen offen zu halten. Setzte sich auf. Drückte die Schultern durch und dehnte den Kopf nach links und rechts. Sein Magen knurrte.

Max griff zu seinen Broten und faltete das Papier auseinander. Salami und Emmentaler hatte er zur Auswahl, beide zusätzlich mit Tomaten und Gurke garniert. Er nahm einen großen Bissen Salamibrot und kaute mit geschlossenen Augen.         »Lassen Sie es sich schmecken. Ich hab leider nichts. Meine Sekretärin hat vergessen, etwas zu besorgen. Wenigstens daran hätte sie denken können, bevor sie mich hier in diesen Zug gesetzt hat. Oder nicht?«

Max lugte aus einem Auge hinüber. Thomas hatte aufgehört zu tippen und schielte auf das zweite Brot. Mit der Zunge fuhr er sich über die Lippen. Max schluckte hinunter, schaute auf sein Käsebrot und zu seinem Gegenüber. Mit hängenden Schultern fragte er: »Möchten Sie mein Käsebrot?«

»Nur wenn es Ihnen keine Umstände macht«, antwortete Thomas und seine Hand schnellte vor, ehe er den Satz beendet hatte. Max schaute ihm nach, wie der erste Bissen in seinem Mund verschwand.

»Danke, – dass – schmeckt – lecker. Hat – Ihre – Frau – gemacht?«, brachte Thomas hervor und kaute zwischen jedem Wort mit offenem Mund.

»Nein. Tina hat mit der Küche nichts am Hut«, sagte Max und widmete sich seiner eigenen Mahlzeit.

»Ihre Frau heißt Tina?«

»Ähmm, ja. Bettina. Warum?«

»Ich wusste, ich kenne Sie von irgendwoher«, rief Thomas aus und klatschte auf seine Schenkel.

»Ich kannte bisher nur die Fotos in Ihrem Haus. Das wir uns mal begegnen?! Zu köstlich.« Er lachte und Brotkrümel kullerten aus seinem Mund.

»Wie meinen Sie das? Sie kennen die Bilder in unserem Haus?«, fragte Max. Seine Hand zitterte und er ließ sie rasch sinken.

»Naja, ihr Frauchen kommt ganz schön rum. Dachte, Sie wissen das.« Thomas kicherte. »Sie sind blass mein Lieber. Hatten Sie echt keine Ahnung?«

Max schüttelte den Kopf. Seine Finger krampften sich in die Sitzpolster. Er lehnte sich leicht vor. So verstand er die nächsten Sätze, die aus Thomas schmallippigem Mund zischten, besser.

»Angefangen hat es vor zwei Jahren, glaub ich. Mit der lieben Tina vergeht die Zeit so rasch. Sie hielt einen mächtig in Atem. Damals hatten wir uns zufällig in einer Bar getroffen und sie hat sofort losgelegt. Ist mir an der Theke stehend in die Hose gefahren. Das Mädel weiß, was sie zu tun hat«, stoppte Thomas und schaute aus dem Fenster in die Dunkelheit. Kleine Fältchen bildeten sich um seine Augen. »Ach ja, das waren Zeiten. In den letzten Monaten hat sie dann öfter herumgezickt. Hat unsere Termine verschoben und bei Ihnen zu Hause wollte sie es gar nicht mehr treiben.« Kopfschüttelnd fuhr er fort. »Ich hab geglaubt Sie wären ihr draufgekommen und würden ihr mit Scheidung drohen oder so?« Mit dem Kopf zur Seite geneigt schaute er Max an.

»Ächz«, räusperte sich Max, »nein, ich hatte keine Ahnung.« »Ich hatte keine Ahnung«, flüsterte er und ließ sich in den Sitz sinken. Er griff zu seiner Jacke und legte sie über sich, schlang die Arme um seinen Körper und zitterte dennoch.

»Nehmen Sie es nicht so schwer«, sagte Thomas und tätschelte Max Knie.

  • Facebook
  • Instagram
© 2020 by Viktoria Hoffmann.