Schuld

David stand vor dem Operationstisch. Das Blut tropfte von seinen Handschuhen. Schweiß perlte unter seiner Maske langsam seinen Hals hinunter. Seine Knie zitterten. Er schaute mit aufgerissenen Augen hinab. Hinab in die Höhle aus Fleisch und Blut. Die Blicke seiner umherstehenden Kollegen ruhten auf ihm. Wie sengendes Feuer fraßen sie ihn auf.

»Dr. Samitsch es ist vorbei. Die Patientin ist tot.« 

»Marie, sie hieß Marie«, flüsterte David.

 

Die Vögel zwitscherten und die Sonne brannte durch das geschlossene Fenster. Seine Hände schwitzten und David wischte sie an einer Serviette ab, die ihm zusammen mit Kaffee und Gebäck gereicht worden war. Selbst inmitten einer Familienkrise vergaß seine Mutter nie, was sich gehörte.   Die tiefe Bassstimme seines Vaters durchbrach seine Gedanken. Ignorieren zwecklos.

»Was hast du dir gedacht? Warum hast du keinen Oberarzt gerufen?«

»Du hast jeden Tag gepredigt, dass ich unbedingt schneller vorankommen müsse. Allen beweise, dass ich in der Lage bin die großen Fußstapfen von Spitalsdirektor Dr. Samitsch Senior auszufüllen«, erwiderte David und warf die Arme in die Luft. Kraftlos ließ er die Hände sinken. Er war dieser Diskussionen überdrüssig, war es leid, sich zu rechtfertigen. »Vater. Mir ist bewusst, was ich angerichtet habe. Durch meine Schuld ist eine junge Frau gestorben. Sie ist unter MEINEN Händen verblutet und ich muss damit leben. Es tut mir leid, dass ich nicht der Sohn bin, den du dir vorgestellt hast und dass du nicht mehr vor deinen Golfkumpels mit mir angeben kannst.«

»Darum geht es gar nicht.«, sagte sein Vater.

»Oh doch, darum ist es immer gegangen. Also, welche Strafe habt ihr für mich auserkoren? Was fangt ihr jetzt mit dem gefallenen Sohn an?« David schaute in die Gesichter seiner Eltern, von einem zum anderen. Seine Mutter senkte die Augen und nestelte mit den Fingern an ihrem Rocksaum.

Sein Vater straffte die Schultern, räusperte sich: »Du wirst zu deinen Großeltern fahren. Sie brauchen im Dorf einen neuen Arzt.«

David blieb der Mund offenstehen. Das konnte nur ein Witz sein. Ein sehr schlechter Witz.

 

Der Motor des alten VW Käfer beschwerte sich bei jeder Kurve. Im zweiten Gang schraubte er sich den Berg hinauf. David fluchte. Warum hatte er nachgegeben? Warum hatte er sich nicht endlich gegen seinen Vater durchgesetzt.

Der Wald drohte ihm von beiden Seiten der Straße. Die Kiefern und Fichten ließen kein Licht hindurch. Ein letzter Anstieg. Das Dorf tauchte vor ihm auf. Die Spitze des Kirchturms erblickte er zuerst, dann folgten die Dächer der anderen Häuser. Alles lag in einem Tal, herabgesetzt in den Berg. Eingequetscht zwischen Massen aus Stein. Der Regen dampfte aus den Holzdächern und Fensterläden. Es roch nach Moder. Geschnitzte Herzen versuchten, den Türen ein Willkommen zu entlocken.

Nach drei Runden durch das gesamte Dorf hatte er endlich die Praxis gefunden. Ein von Rosen komplett zugewuchertes Messingschild wies das Haus als Arztpraxis aus. Dr. Viktor Kannowsky war in das verwitterte Messing eingraviert.

David schob das Gartentor auf. Ein erbärmliches Quietschen drang aus den Scharnieren und scheuchte einen Schwarm Spatzen auf, die sich auf der Wiese niedergelassen hatten. Die Steinplatten unter seinen Füßen wackelten bei jedem Schritt und aus den Fugen wucherte das Unkraut.

Die Tür wurde aufgerissen. »Servus! Sie sind der neue Doktor!« Es war keine Frage, die ihm sein Gegenüber stellte.

»Ja, ich bin Dr. Samitsch aus Innsbruck. Und Sie sind der Makler?«

»Na. Ich bin nur der Postler, Kannowsky. Meinem Bruder gehörten das Haus und die Praxis. Er ist jetzt mit seiner neuen Frau nach Wien gezogen. Das Dorfleben war nichts für die feine Dame.«

»Ach so, ok.«

»Ihre Großeltern sind die Samitschts von oben, oder? Die kriegen wir hier ja nur selten zu sehen. Mit dem Gefährt da schaffen sie es aber nicht den Berg rauf, wenn Sie sie besuchen wollen«, sagte er und schaute an David vorbei zu dem gelben Käfer, der in der Sonne leuchtete.

»Ja, ich – meine Großeltern kommen die nächsten Tage ins Dorf. Darf ich mich im Haus umsehen?«

»Aber natürlich, kommen sie rein. Ist ja jetzt ihr Reich. Gleich hier rechts ist das Wartezimmer und dann weiter durch die Tür geht’s in den Praxisraum und ins Büro. Auf der linken Seite finden Sie die Küche und WC. Oben sind die Wohnräume und das Bad.« Er fuchtelte im Stakkato mit den Armen und deutete in jede Richtung. Damit war die Hausführung beendet.

»Hier haben Sie den Schlüssel. Ich werde in der Post einen Aushang machen, dass Sie da sind. Ab wann werden Sie öffnen?«

David nahm die Schlüssel entgegen, das rostige Metall kratzte auf seiner Haut.

»In drei Tagen. Gibt es hier ein Café mit W-Lan Empfang? Hier im Haus habe ich kein Netz.« David klopfte auf sein Handy.

»Ja, da fahren Sie am besten zu Emma. Die hat letzten Sommer so ein neumodisches Lokal aufgemacht. Ihr Kaffee schmeckt köstlich und der Marillen Kuchen erst. Das Backen hat sie von ihrer Mutter gelernt.« Kannowsky leckte sich mit der Zunge über die Lippen. Tippte mit den Fingern an seine Schirmmütze, drehte sich um und schwang sich auf sein Rad.

 

Emma’s Café stand in schnörkliger Schrift auf einem hellblauen Holzbrett über der Tür. Das Schild leuchtete David von weitem entgegen. Er parkte seinen Käfer direkt vor dem Fenster. Was sofort dazu führte, dass sämtliche Gäste ihre Hälse reckten, um ihn, den Neuankömmling zu begutachten.

David wappnete sich und öffnete die Tür. Eine altmodische Glocke ertönte und erinnerte ihn an die alten Konsumläden, in die ihn seine Großmutter mitgenommen hatte.

Am hinteren Ende entdeckte er einen freien Platz und steuerte zielstrebig darauf zu. Das ganze Café war gerade einmal so groß wie sein altes Wohnzimmer. Die Tische bunt zusammengewürfelt. Kleine gelbe Vasen mit frischen Margeriten standen überall, dazu strömte ein durchdringender Duft nach Kaffee hinter der weißen Kuchentheke hervor. In der Vitrine, gesäumt von weiteren Margeriten und Papierdeckchen, türmte sich zuckriges Gebäck. Muffins in verschiedenen Geschmacksrichtungen und unter einer dicken Schicht Puderzucker entdeckte David saftige Topfengolatschen, der Rest war ihm fremd.

 

»Hallo, ich bin Emma. Sie sind der neue Arzt. Was darf’s sein?« Sie legte den Kopf schief und betrachtete ihr Gegenüber. Bei Davids handgefertigten Schuhen blieb ihr Blick hängen. Sie runzelte die Stirn. Lange schafft der es in den engen Dingern nicht. Einer von vielen, der bald wieder das Weite suchen wird.

»Neuigkeiten sprechen sich hier schnell herum?«

»Kannowsky hat vorhin die Post gebracht. Er bekommt von mir immer einen meiner Himbeer Scones, dann gerät er so richtig in Plauderlaune«, sagte Emma und schmunzelte.

»Ah ja. Bringen Sie mir bitte einen Verlängerten mit Sojamilch und einen von den Schoko Muffins. Wie lautet das W-Lan-Passwort? Ich muss einige wichtige Mails beantworten«, sagte David und klappte sein Notebook auf, ohne Emma anzusehen. »Haben Sie hier eine Steckdose?«

»Ja, links neben ihrem Fuß im Boden sind schon mal zwei und Strom haben wir tatsächlich auch, falls das ihre nächste Frage gewesen wäre. Das Passwort ist Emma_01 und Sojamilch habe ich heute nicht. Die Sojapflanzen hat keiner gemolken, heute waren die Mandeln dran«, schnaubte Emma und schaute ihn herausfordernd an.

David blickte auf in ihr Gesicht. Blonde Locken vielen ihr über die Augen und ihre Mundwinkel zuckten. Bemüht um einen finsteren Ausdruck. Er lächelte. »Dann nehm ich gern die Mandelmilch.« Sie nickte kurz und verschwand hinter der Theke.

David aktivierte sein Mailprogramm und klickte sich durch die unzähligen Newsletter. Die Mail seines Vaters ignorierte er. Er hatte keine Lust, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Mit einem Klick schloss er das Fenster und widmete sich seinem Kaffee. Mit dem ersten Biss in den Muffin hielt er inne. So etwas hatte er noch nie gegessen. Vom Backen verstand die Kleine etwas. Morgen werde ich mal dieses Himbeerdings probieren, dass den Postler so redselig werden lässt.

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