Sturm

Dunkle Wolken türmten sich auf und zogen am Himmel entlang. Vorboten einer unheilvollen Nacht. Sturm brach über Guernsey herein und die Inselbewohner wappneten sich, den peitschenden Regen und die haushohen Wellen zu überstehen.

Fenster und Türen wurden fest verschlossen, alle Boote vertäut, keine Menschenseele war mehr auf den Straßen zu sehen. Der Wind schien über ein verlassenes Stück Land im Ärmelkanal zu toben. Das Meer demonstrierte erneut seine Macht.

In der Cobo Bay sprühte die Gischt über die schützende Mauer, verschlang die Straße und fraß sich näher an die Häuser heran. Meterhohe Wellen überspülten die Felsen, fluteten Höhlen und alte Bunker. Tief und schwarz hing der Himmel über der Insel.

 

 

***

 

Bob verhedderte sich in der Hundeleine und fluchte. »Jumper, musst du ohne Vorwarnung die Richtung ändern? Du bist kein Hase, der im Zick Zack läuft«, rief er seinem von links nach rechts über den Strand tobenden Jack Russel Terrier nach.

Dieser stoppte kurz, lauschte der Stimme seines Herrchens und rannte sofort munter weiter.

Stolpernd versuchte Bob Schritt zu halten und fragte sich, wer hier, mit wem Gassi ging.

Der Sturm hatte eine Menge Algen, Muscheln und Steine an den Strand gespült und so fand der kleine Terrier, an jeder Ecke Neues.

Mit einem Seufzer der Erleichterung bemerkte Bob, dass Jumper scheinbar etwas Interessantes gefunden hatte und nicht gleich weiter stürmte. Endlich holte er ihn ein und atmete ein paar Mal tief durch.

Er beugte sich hinab und rückte Jumpers Halsband zurecht. Dieser scharrte begierig im Sand und knabberte an seinem Fund.

Der zarte Arm war weiß, übersät mit blauen Flecken, die Fingerkuppen schrumpelig vom Wasser. Wo die Schulter saß, ragten Hautfetzen, Sehnen und Fleisch heraus. Der Arm schien regelrecht vom Körper abgerissen.

Bob vermochte nicht länger hinzusehen. Er nahm Jumper auf den Arm und rannte den Strand und die Dünen hinauf zur Straße. Würgend übergab er dem Gras seinen Mageninhalt. Wischte sich mit der Hand den Mund ab und wählte mit zitternden Fingern die Nummer der Polizei.

 

John

 

Mit angespannter Miene beobachtete John, von seinem Wintergarten aus, das Treiben am Strand. Seine Kiefer zusammengepresst und die Hände verkrampft, verfolgte er jede Bewegung.

Kurz warf er einen Blick in Richtung Schlafzimmer. Seine Frau schlief tief und fest. So friedlich war es hier im Haus nur selten und er genoss die Ruhe am Morgen. Normalerweise. Nicht heute. Heute stand er angespannt vor dem Fenster, bereit jederzeit loszurennen.

Aber wohin. Für ihn gab es keinen Weg raus. Die zierliche Frau, die selig schlief, hatte ihn in der Hand. Der Ehevertrag fesselte ihn an sie. Und jetzt drohte alles zusammenzubrechen.

Die Einsatzfahrzeuge blockierten mittlerweile die gesamte Straße, es gab kein Durchkommen mehr. Taucher stiegen hinab in das eiskalte Wasser.

John hielt den Atem an. Seine linke Hand spielte mit dem Handy in seiner Hosentasche. Seit wann hatte er Jennifer nicht mehr erreicht? Es war mindestens zwei Tage her. Er hörte ihre samtene Stimme, wie sie ihm unmissverständlich erklärte, dass er das Tagebuch nie bekommen würde. Niemals.

Beiläufig hatte sie einmal erwähnt, dass sie alles aufzuschreiben pflegte. Jedes intime Detail, jeden Wortwechsel. Alles notierte sie fein säuberlich in einem kleinen Büchlein, das sie immer bei sich trug.

Panik hatte ihn ergriffen. Lachend hatte sie ihm ein paar Passagen über ihre heimlichen Treffen vorgelesen. Definitiv nicht jugendfrei und es hatte ihn erregt, und in Angst versetzt. Wenn seine Frau davon erfuhr, dann wäre sein Leben gelaufen.

 

Er stieß langsam die Luft aus und trat näher an die Fensterscheibe. Einer der Taucher kam nach oben und hielt etwas hoch. John erkannte es nicht und holte aus der Kommode neben dem Esstisch sein Fernglas. Er setzte es an seine Augen und stellte die Schärfe ein. Der Taucher schien direkt auf ihn zuzukommen, in der Hand ein abgetrenntes Bein. Auf der Innenseite des Oberschenkels war deutlich ein halbmondförmiges Muttermal zu erkennen.

Er brauchte nicht länger versuchen, Jennifer anzurufen.

 

 

Catherine

 

Catherine nestelte nervös an ihrem kurzen Rock herum. Der dunkelgrüne, seidene Stoff reichte ihr nur knapp über den Po und betonte ihre langen, schlanken Beine. Ihre Lederjacke hielt sie vorn eng zusammen. Niemand sollte sehen, dass sie unter ihrer schwarzen Spitzenbluse keinen BH trug.

Sie schaute zu Jennifer hinüber, die freudig den Türsteher begrüßte. »Hi George, wie geht’s dir?«

»Prima, Jen. Wir haben dich lange nicht mehr bei uns gesehen. Hast du eine neue Freundin mitgebracht?«

»Ja und wir müssen behutsam mit ihr umgehen, es ist das erste Mal für sie.« Mit einem Augenzwinkern zog sie Catherine hinein in die Bar. Das Comfort.

Jennifer half ihr aus der Jacke und lächelte ihr aufmunternd zu. Keine Angst, schien sie ihr zu sagen.

Die Bar sah im Inneren gar nicht so schmuddelig aus, wie sie es sich vorgestellt hatte. Die Theke zog sich mitten durch den gesamten Raum wie ein L, gesäumt von eleganten, weißen Barhockern. An der gegenüberliegenden Wand war eine lange rote Bank mit vielen kleinen Tischen. Das Licht schimmerte in einem warmen Karamellton und verbreitete eine angenehme, gemütliche Atmosphäre.

Jennifer steuerte auf zwei Barhocker zu und zog Catherine hinter sich her.

»Setz dich, wir bestellen uns jetzt erstmal was Nettes. Du brauchst nicht ängstlich dreinschauen, es wird keiner sofort über dich herfallen. Sei entspannt und amüsiere dich!« Jennifer bestellte zwei Gläser Champagner und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen.

Direkt hinter ihnen saß ein Pärchen, das schon ordentlich dabei war. Jennifer stieß Catherine in die Seite, die verkrampft in ihr Glas hinab gestarrt hatte, und flüsterte ihr ins Ohr. »Schau dir die Zwei an. Wie sie seinen prallen Schwanz rhythmisch in ihren Mund gleiten lässt. Ich glaube, es kommt ihm gleich, dann wäre es für sie aber ein kurzer Abend«, sagte Jennifer und warf ihre langen blonden Haare zurück.

Catherine starrte mit riesigen Augen das Pärchen an, schaute sich beschämt um. Niemanden schien es zu stören. Es nahm keiner Notiz von den beiden. Irritiert lehnte sie sich zurück und sah zu. Fasziniert beobachtete sie wie die Frau den ihr riesig erscheinenden, harten Penis tiefer in ihren Mund schob.

Der Anblick erregte sie und der Stoff ihrer Bluse spannte über ihren aufgerichteten Brustwarzen.

Und wie Jennifer es prophezeit hatte, hielt er nicht mehr länger durch. Die Frau leckte jeden Tropfen genüsslich auf. Er lehnte sich zurück und nahm einen großen Schluck von seinem Bier. Seine Begleiterin wirkte frustriert.

»Darf ich den Damen einen Drink spendieren?«, riss eine tiefe, rauchige Stimme Catherine aus ihrer Beobachtung. »Aber gern«, übernahm Jennifer das Antworten.

»Mein Name ist Alex. Sind Sie zum ersten Mal hier?«, fragte er Catherine und sie stotterte: »Ja.«

Er schob seine rechte Hand unter Jennifers Kleid, weiter den Schenkel hinauf ohne Catherine aus den Augen zu lassen. Jennifer schaute sie provozierend an.

»Du bist ein böses Mädchen. Du trägst gar keine Unterwäsche«, wandte er sich an Jennifer. »Ist deine Freundin genauso böse?« Seine Hand verschwand zwischen Jennifers Beinen.

»Nein, sie ist brav und schüchtern. Du musst behutsam mit ihr sein«, antwortete Jennifer mit kehliger Stimme und strich Catherine über die Wange.

...

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