Verborgen

Der Wind peitschte Claudia ins Gesicht. Zweige rissen ihre Haut auf. Die Kleidung hatte er ihr genommen. Sie rannte durch den dunklen Wald. Auf dem kalten, gefrorenen Boden, bedeckt von fauligen nassen Blättern, fanden ihre nackten Füße keinen Halt. Sie rutschte aus. Kroch auf allen vieren den kleinen Anstieg hinauf. Einzig die Hoffnung, bald auf Häuser zu stoßen, diesem Wald zu entkommen, trieb Claudia voran.

 

Panisch sah sie sich um. Ihr Verfolger war nicht zu erblicken. Entfernt hörte sie das Bersten, der am Boden liegenden Äste. Seine schweren Schritte. Sein schnaufender Atem wurde lauter. Er kam näher.

Sie übersah die weit aus dem Boden ragende Wurzel. Blieb mit dem rechten Fuß hängen. Prallte auf den harten Waldboden. Mit vor Kälte gefühllosen Fingern versuchte sie, nach etwas zu greifen. Sich hochzuziehen, aufzurichten. Ihr ganzer Körper brannte vor Schmerz. Die Unterwäsche zerrissen. Die Haut von Wunden übersät.

 

Das Schnaufen kam näher. Der Boden erzitterte unter seinem Gewicht. Sein Atem kam keuchend aus seiner Brust. Er hielt inne. Schlich auf sie zu. Kniete sich nieder. Strich ihr mit seinen Pranken sanft über die Wange. Sie warf ihren Kopf hin und her. Ihre Augen geweitet. Er hob sie hoch und trug sie zurück.

Zurück in die Hölle.

 

20 Jahre zuvor

 

Das Messer glitt ihr aus den blutbespritzten Fingern und landete klirrend auf dem grau gefliesten Boden. Erwacht aus einem Traum, starrte sie auf die beiden Toten vor sich. Überall Blut. Die Leiber eng umschlungen in einer letzten Umarmung. Kein Anfang, kein Ende. Ihre bettelnden Stimmen hallten in ihrem Kopf. Ihr Flehen.

 

Leise näherten sich Schritte und eine kleine, weiche Hand legte sich auf ihr Bein. Sie sah hinab in die großen blauen Augen ihres Sohnes. Kniete sich zu ihm, nahm ihn fest in die Arme und flüsterte: »Es wird alles gut, mein Kleiner. Mama muss sich überlegen, was jetzt zu tun ist, und du wirst auf das hören, was ich dir sage. Bist du mein braver Junge?«

»Mami, warum hast du Papa und der Frau wehgetan?«, fragte Michael. Seine Stimme zitterte.

»Weil sie es verdient hatten!«, kam es unwirsch und ohne jede Reue aus ihr heraus. Sie schloss die Augen und wiegte sanft ihren kleinen Sohn in den Armen.

 

Sah vor sich, wie alles seinen Anfang nahm.

***

 

»Markus, wohin fährst du? Warum lässt du uns allein?«, schrie Anna ihren Mann an.

»Gehst du zu einer von deinen kleinen Schlampen?« Ihr Speichel flog durch die Luft.

Genervt drehte Markus sich auf dem Absatz um. »Was geht es dich an? Du hast deinen Sohn und interessierst dich sowieso nicht mehr für mich. Jede Nacht hast du eine andere Ausrede. Es ist Jahre her, dass du für mich mal die Beine breitgemacht hast. Was glaubst du, wie lange ein Mann das aushält? Also hole ich es mir woanders. Sei froh, dass wir es nicht direkt vor deiner Nase treiben.« Mit einem lauten Knall fiel die Tür ins Schloss und er war fort, wie jede Nacht.

Wie konnte er so egoistisch sein? Immer geht es um seine Bedürfnisse. Sie war die Mutter seines Sohnes, zählte das gar nichts?

Mit hochrotem Kopf lief sie ins Schlafzimmer, holte einen Koffer aus dem Schrank und warf ihn auf das sorgfältig gemachte Bett. Falten bildeten sich auf der Bettwäsche und die akkurat ausgebreitete Decke verrutschte. Anna strich alles glatt. Sie hasste Unordnung im Haus.

Sie atmete tief ein, schloss die Augen und straffte die Schultern. Flink griff sie nach den nötigsten Sachen und stopfte alles in den Koffer. »Michael! Zieh dich an. Wie fahren für ein paar Tage zu Oma«, rief Anna über den Flur und Michael kam hüpfend zu ihr.

»Jaa, zu Oma in das Hexenhäuschen?« Aufgeregt klatschte er in seine kleinen dicken Händchen.

Den Namen Hexenhäuschen hatte das Haus nicht zu Unrecht. Es lag einsam am Waldrand. Bis in den Ort waren es fünfzig Minuten zu Fuß. Anna war diesen Weg oft gegangen. Und sie hatte diese Abgeschiedenheit verflucht. Keiner ihrer Freunde besuchte sie.

Ihre Mutter wollte diese Isolation. Verbittert vermied sie jeden Kontakt zu anderen Menschen. Jeden Tag trichterte sie Anna ihr Gift ein. Hatte sie am Ende Recht? Von Anfang an hatte sie gesagt, dass Markus kein guter Mann wäre. Dass er stets hinter den Weibern her sein würde, wie ihr Vater. Jetzt war er das nicht mehr.

Er hatte es mit ihr versucht, aber sie ekelte sich davor, wenn er ihr zwischen die Beine fasste oder gar verlangte, dass sie seinen Penis in den Mund nahm.

Sie schüttelte sich, schüttelte alles ab. Er wird zur Vernunft kommen, sie und Michael waren seine Familie, das zählte mehr. Die nächsten Tage würde er merken, wie es ohne sie war. Eine Scheidung kam nicht in Frage. Sie musste Markus davon überzeugen, dass sie und Michael wichtiger waren und nicht all diese kleinen Dirnen.

 

Anna wurde ungeduldig. Markus meldete sich nicht bei ihr. Drei Tage waren sie inzwischen fort. Kein Anruf, keine Frage, wo sie sind? Wann sie wiederkommen? Vielleicht vergrub er seine Angst und saß allein in ihrem Haus, unsicher was er tun sollte. Sie musste zurück und ihm helfen. Er wird die Lektion verstanden haben.

Entschlossen wuchtete Anna den Koffer aus dem Auto, nahm die Hand ihres Sohnes und sagte zu ihm: »Schau, Papas Wagen ist da. Er wird bereits auf uns warten.« Ihre Augen strahlten und sie freute sich darauf, ihren Mann zu überraschen.

In Gedanken malte sie sich aus, wie er sie freudig in die Arme schließen und ihr gestehen würde, was für ein Idiot er war und wie wahnsinnig er sie und ihre kleine Familie liebte.

Sie steckte den silbernen Schlüssel in das Schloss und öffnete die Tür. Den Koffer ließ sie im Flur stehen und lief, ihren Sohn an der Hand mitziehend, in Richtung Wohnzimmer. Sie rief Markus Namen, bekam keine Antwort.

Keuchen, Stöhnen, kehliges Grunzen durchdrang das ganze Haus. Tierische Laute, die sie nicht einzuordnen vermochte.

Auf der Schwelle zu ihrem penibel und sorgfältig eingerichtetem Wohnzimmer blieb sie abrupt stehen. Keinen Millimeter brachte sie ihre Füße voran. Hielt den Atem an. Das Bild vor Ihren Augen verschwamm zu einer einzigen Masse aus sich windenden Körpern.

Markus, der es auf ihrer Couch mit einer dieser Frauen trieb. Der gierig an den Brustwarzen dieser Schlampe saugte, sich in ihrem Fleisch festkrallte. Sie sah, wie sein harter Schwanz in diese Frau eindrang, immer tiefer und wie sie ihre langen Beine enger um seine Hüften schlang.

Anna schlich auf sie zu.

Auf dem Glastisch stand eine Flasche Champagner, die Gläser halbvoll. In einer Schale lagen Erdbeeren und daneben lag ein scharfes, spitzes Obstmesser.

Ihre Finger griffen nach dem Messer, umfassten es fest. Schritt für Schritt näherte sie sich den beiden wilden Tieren.

Markus stöhnte und seine Stöße wurden schneller. Sie wartete, bis sich sein Oberkörper im Höhepunkt aufbäumte. Rammte ihm das Messer tief in den Hals. Das Blut schoss aus seiner Arterie und er klappte auf seiner Hure zusammen.

Das Mädchen schrie, flehte und bettelte. Versuchte, den toten Körper von sich hinunter zu stoßen, er war zu schwer. Und Anna zu schnell.

Mit voller Wucht stieß sie ihr die Klinge in die Kehle und dann in ihre riesigen Brüste. Alles zerstören, was ihr den Mann weggenommen hatte.

 

***

 

 

Jetzt

 

Das Kreischen einer Motorsäge weckte Claudia. Sie versuchte, die Augen zu öffnen. Das Kissen, auf dem sie lag, verströmte einen muffigen Geruch und der ganze Raum war in dämmriges, gelbes Licht gehüllt.

Ledergurte waren um ihre Brust und ihre Hüfte geschnallt. Sie vermochte es nicht sich aufzurichten. Ihre Hände und Füße gefesselt mit einem rauen abgenutzten Seil. Die Kälte durchdrang jede Faser ihres Körpers. Sie zitterte. Vorsichtig drehte sie ihren Kopf zur Seite.

Es gab ein kleines Fenster. Draußen schneite es und die Flocken fielen friedlich und sanft zu Boden. Tränen rannen ihr über das Gesicht.

Die Säge war verstummt und sie hörte seine schweren Schritte. Er kam näher.

Die Arme voller Holzscheite stand er in der Tür. Lauerte. Schlurfte an ihr vorbei und ließ die Scheite neben dem Ofen auf den Boden krachen.

...

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