Vergessen

Die Farbe blättert ab, kleine graue Splitter hängen wie Fetzen herunter. Die rostigen Stellen kommen zum Vorschein. Wenn ich mit meinem Fingernagel den Rost abkratze, ob ich dann die unteren Schichten entdecke? Hhmm, das klappt nicht. Ich versuche es mal mit dem Daumen. Warum funktioniert das nicht? Unter dem grauen Lack und dem Rost muss doch etwas sein. Ich kratze und schabe weiter. Dann wird es hervorkommen.

»Maria, was tust du da? Deine Fingerkuppen bluten.«

»Oh, das hab ich gar nicht bemerkt. Es schmerzt nicht mal.« Ich sehe auf meine Hände hinab und kenne sie nicht. Ich halte sie dicht vor die Augen. So dramatisch ist es nicht. Einzig das Blut. In meiner Manteltasche war ein Taschentuch. Wo ist es? Jetzt hab ich den Mantel beschmiert. Die braunen Wollfusseln kleben an meinen Fingern. Ah, da ist es. Gleich sieht es besser aus. Später verbinde ich es mit einem Pflaster, das darf ich nicht vergessen. Und die Nägel feilen, mehr als sonst. Das Taschentuch behalte ich in der Hand.

Das Geländer ist so angenehm kühl. Wann hat es angefangen zu regnen? Sieh, wie die Tropfen im Wasser zerplatzen. Lauter kleine Ringe. Und sie schwimmen davon, der Fluss nimmt sie alle mit.

»Wohin bringt der Fluss die Tropfen? Ich wäre so gern ein Tropfen. Kommst du mit mir?«

»Nein. Wir haben hier so viel zu erledigen. Hast du das vergessen?«

Immer hat sie was gegen meine Träume. Warum darf ich nicht mit den Wellen fort? Eine nach der anderen steigt aus dem Fluss empor und reist mit ihm davon.

Die dunklen Wolken ziehen langsam. Der Wind steht still. Es ist so friedlich hier.

»Maria, wir müssen gehen. Der Sturm wird stärker. Uns fliegt hier das ganze Laub um die Ohren. Mach den Mantel zu, du erkältest dich. Komm!«

»Nein, es ist so friedlich. Siehst du nicht, wie die Blätter tanzen. Ich will tanzen. Und das Wasser, wie es dahin rauscht und rauscht. Wenn ich durch die Stäbe greife, berühre ich es beinah. Schau meine Fingerspitzen werden nass, er begrüßt mich. Sieh, der Fluss sagt mir Guten Tag. Wir dürfen ihn nicht zurücklassen.«

Warum schaut sie mich so vorwurfsvoll an? Warum lässt sie mich nicht in Ruhe?

Ach, da ist der Schwan, seine Federn sind schneeweiß und er trägt den Kopf so hoch. Er schwimmt zu dem Wäldchen. Die Wellen tragen ihn nach Hause. Ich möchte nach Hause.

»Maria, wo rennst du hin? Lauf nicht so schnell. Mist warum hab ich nur die falschen Schuhe angezogen.«

Ich fliege, so leicht und geschwind. Die vielen Häuser rasen an meinen Augen vorbei. Oh eine Pfütze, ob ich es schaffe, hinüber zu springen? Ein Gesicht, gefangen in dem schwarzen Wasser.

»Maria, ist alles in Ordnung? Was schaust du dir da an? Komm, steh auf. Wir müssen zurück.«

»Ich hab eine Frau gesehen, dort in dem Wasser. Ihr Haar hing in schmutzigen Strähnen herunter, ihre Lippe aufgeplatzt und blutige Kratzer auf der Wange. Die Schläfen waren grün und lila verfärbt und ein Schleier überdeckte ihre Augen. Helfen wir ihr?«

»Ja, wir helfen ihr. Deshalb müssen wir weg. Hier dürfen wir nicht bleiben.«

»Warum nicht? Es ist nett hier, all die vielen bunten Häuser und kleinen Gärten.« Mein Blick wandert die Straße entlang. Schneeglöckchen recken die Köpfe durch die Erde. Früher wuchsen bei mir Schneeglöckchen und Krokusse und Tulpen. Ein stechender Schmerz bohrt sich in meinen Schädel, ich schließe die Augen.

»Maria was hast du? Wir haben keine Zeit mehr!«

»Ich war hier schon einmal, nicht wahr? Dort der Gemüsehändler, ich hab Tomaten und Paprika bei ihm gekauft, immer freitags. Ich kenne diese Straße, diese Gärten. Mein zu Hause war einmal hier. Dort drüben, mit den gelben Fensterläden und der grünen Tür.«

»Maria nicht! Verfluchter Mist!«

Der Garten ist voller Unkraut. Das mach ich gleich morgen. Schauen wir mal, wie es drinnen aussieht. Die Tür ist verriegelt. Ich hatte meinen Ersatzschlüssel immer in dem Margeritenbusch versteckt. Da ist er ja. Schwer zu öffnen diese alte Tür. Die Dielen im Flur quietschen wie früher. Erst mal das Licht anmachen. So ist es besser. Es duftet nach Kräutern und Gewürzen und Bier. Der Geruch wird intensiver.

Die Möbel sind umgeworfen und das Geschirr liegt zerbrochen auf dem Boden. Im Schlafzimmer, das Holz der Tür ist zersplittert und das Schloss herausgerissen. Es stinkt nach Bier und Metall.

Schon wieder dieser stechende Schmerz.

»Maria, geh dort nicht hinein, ich bitte dich. Wir überstehen das nicht noch einmal.«

»Was meinst du?« Mein Puls rast, meine Hände schwitzen. Atmen.

Auf der Kommode neben dem Bett steht ein Bild, ein Hochzeitsfoto. Ich greife danach. Die Frau. Diese Frau ist sie. »Was macht dein Foto in meinem Schlafzimmer? Ich versteh das nicht. Und den Mann, den kenne ich. Diese Augen starrten mich an. Der Mund grinste und zischte und brüllte.« Mein Schädel explodiert vor Schmerz.

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© 2020 by Viktoria Hoffmann.